Buchbesprechung

Daniela Fürstauer-Schmölzer, Sabine Staudacher:
Jörg Haider. Visionär und politischer Rebell: Spuren eines Systembrechers.
Graz-Stuttgart: Stocker Verlag. 2025, 252 Seiten

„Haider sells“ hieß es schon zu seinen Lebzeiten. Und selbst ihm feindlich gesonnene Magazine wie der Falter, Profil und News wußten, daß sich mit seinem Bild auf der Titelseite die Verkaufsauflage steigern würde. So gibt es auch nach seinem tragischen Unfalltod im Oktober 2008 weiter etliche Bücher über den damaligen Kärntner Landeshauptmann und Oppositionsführer, der das Parteienkartell des schwarz-roten Proporzes gründlich aufgemischt und zerstört hat.

Der vorliegende Band hat das Verdienst durch zahlreiche Zeitzeugenberichte und bisher unveröffentlichte Tagebuchauszüge Haider als Menschen und als Politiker wieder gleichsam lebendig werden zu lassen, ohne bei aller erkennbaren Empathie dabei zur Hagiographie zu werden. Der politische Aufstieg des gebürtigen Oberösterreichers und Juristen in Kärnten als Landesrat für Tourismus und Gewerbe und Landesparteiobmann bereits im zarten Alter von 33 wird sehr anschaulich nachgezeichnet. 3 Jahre später übernimmt Haider die sich damals sozial-liberal gebende Bundespartei, der die Koalition mit der SPÖ jedoch nicht gut tut und unter 5% zu fallen droht. Vom SPÖ Kanzler Vranitzky in die Opposition verstoßen, erlebt die FPÖ dank Haiders unerschrockenem rhetorischen Talent einen ungeahnten Aufschwung als Oppositionspartei.

1989 erstmals zum Landeshauptmann in Kärnten gewählt beginnt er die für ihn typische intensive Basisarbeit, um mindestens jedem seiner Mitbürger einmal die Hand zu geben und sich an ihn auch zu erinnern. Im Zuge einer hitzigen Landtagsdebatte rutscht ihm der Spruch von der „ordentlichen Beschäftigungspolitik“ im Dritten Reich heraus, der ihn zeitlebens verfolgen und ihm das Amt kosten sollte. Unverdrossen wird er nun als Oppositionsführer in Wien als Volkstribun zum Anwalt der „Fleißigen und Anständigen“. Seine öffentliche Ansprachen, in den er die rot-schwarzen Privilegienritter von der Nationalbank über den ORF bis zur Arbeiterkammer anprangert, haben als Publikumsmagnet einen unglaublichen Unterhaltungswert. 1999 wird die FPÖ in Kärnten erstmals stärkste und im Bund zweitstärkste Partei.

Wegen des Widerstands gegen seine Person entscheidet sich Haider erneut für die Position des Landeshauptmannes und überläßt die Ministerposten der im EU-Europa heftig befehdeten blau-schwarzen Koalition seinen Gefolgsleuten, mit deren Leistungen er angesichts zunehmender Wahlverluste er jedoch bald hadert. So gründet er nach einer Rebellion der Parteibasis gegen die blaue Regierungsmannschaft schließlich 2005 seine neue Führerpartei, das „orange“ Bündnis Zukunft Österreich (BZÖ), das jedoch zunächst nur in Kärnten reüssiert. Kurz nachdem er selbst als Spitzenkandidat im Bund wieder angetretenen war, erreicht das BZÖ dort im September 2008 tatsächlich 11%.

Kurz danach verunfallte er tödlich. Die Biographie verliert sich nicht in den bekannten Verschwörungstheorien, sondern dokumentiert minutiös seinen letzten Tag sowie die oft befremdlichen offiziellen Ermittlungsergebnisse und ihre Umstände, erlaubt also dem Leser sein eigenes Urteil zu fällen. Dies gilt auch für die Zeit der Bildung der blau-schwarzen Koalition im Jahr 2000, wo Haiders Tagebuchnotizen doch eine gewisse Trauer um seine Ausgrenzung offenbaren und zeigen, da er wie alle ambitionierten Politiker doch stets die Anerkennung suchte, wie er unter seiner völlig ungerechtfertigten Rolle als internationaler Buhmann litt. So bietet dieses großzügig illustrierte, hervorragend dokumentierte und sehr flüssig geschriebene Buch doch neue Einblicke in das leider zu kurze Leben dieses charismatischen Ausnahmepolitikers, dessen Lebenstraum österreichischer Bundeskanzler zu werden, leider nicht in Erfüllung ging.

 

Albrecht Rothacher

Buchauszug zum Tagebuch/Regierungsbildung 2000

03.02.2000: Trotzdem bin ich irgendwie traurig. Beim größten Erfolg unserer Geschichte bin ich eigentlich nicht dabei. Klestil hat mich das spüren lassen. Er sagte, dass ich morgen bei der Angelobung eigentlich nicht mehr dabei sein muss. Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan! Der Preis ist hoch. Um die FPÖ in die Regierung zu bringen, musste ich riskieren, wieder einmal „weltweit“ dämonisiert zu werden. Das ist offenbar meine Erblast, die ich zu tragen habe. […]

Es ist eine wunderbare Stimmung in der Hofburg in irgendeinem Hinterzimmer, bevor wir zur PK gehen. Draußen Proteste, drinnen Ministergezerre und ich ein bisschen in der Seele verwundet. Die internationale Pressekonferenz von Programmpräsentation wird von Schüssel und mir souverän gemacht. Klestil ist ganz entzückt, wie wir beide in Englisch die kritischen Fragen gemeistert haben. Tatsächlich ist dies eine neue Form des Regierens. Wir Partei-Chefs, die auch intellektuell die Sache im Griff haben und keine lächerlichen Marionetten sind. So, das war mein letzter Akt in der Bundespolitik auf dem Weg in die Regierung.